BESSEGGEN

Routenbeschreibung siehe hier.

Tourbericht: Zwei Versuche auf dem Besseggen im Oktober 2003

1. Versuch
Meine (Mortens) Mutter, die zu Besuch im Valdres war, hatte große Lust, den Besseggen zu gehen, und mit einer brauchbaren Wettervorhersage "in der Tasche" fuhren wir, das sind meine Mutter, Julia und ich mit zwei Autos von Skrautvål in Richtung Besseggen. Ein Auto parkten wir bei Bessheim, bevor wir alle zusammen zurück nach Gjendesheim fuhren. 
Ein eisiger Wind kam von Westen über den Gjende, und Jotunheimen einwärts hingen drohende Wolken um die Berge. Doch wir hofften, daß die Meteorologen wußten, was sie vorhergesagt hatten und daß es im Laufe des Tages besser werden würde. Bei Sonnenschein starteten wir unsere Tour vom Parkplatz am Gjendeosen.

Keiner uns war in Knallform, und deshalb nahmen wir den Anstieg zum Veslefjell relativ ruhig (Bild siehe oben). Überall war Wasser über den Steinen zu Eis gefroren, was große Vorsicht beim Setzen der Schritte forderte . Weiter oben wurde die Landschaft weiß, und im Schnee ging es bedeutend schwieriger, wozu der eisige Gegenwind das Seine  beitrug. Von Nordwesten kamen immer mehr Wolken angezogen , und in meinen Gedanken entstand ein unfreundliches Bild der Valdresflya, glatt und zugeweht mit Schnee. Wir hatten ja nur Sommerreifen.

An der großen Steinwarte auf dem Veslefjell beschlossen wir, umzukehren. Wir waren noch lange nicht halbwegs, und es zeigte sich im Nachhinein, daß es die richtige Entscheidung war. Während wir im Windschatten der enormen Steinpyramide eine kurze und kalte Pause einlegten, wurden wir von Leuten überrascht, die vom Besseggen kamen. Es war eine Gruppe der DNT-Verwaltung, die das Wochenende in Gjendesheim verbrachte. Die meisten von ihnen waren auf der steilen Route vom Gjende zum Band des Bessvatn aufgestiegen, während Øystein Dahle, der Vorsitzende, die gesamte Runde über Memurubu gegangen war. Doch er war noch ein Stück weiter zurück.

Vom Veslefjell zurück folgten wir der markierten Route über den Bessosen nach Bessheim, um das Auto, das wir hier abgestellt hatten, abzuholen. Fast unten angekommen, entdeckte meine Mutter, daß sie die Autoschlüssel im anderen Auto vergessen hatte. Meine Mutter und Julia warteten am Auto, während ich eine kleine extra Joggingtour hinüber nach Gjendesheim bekam, bevor ich die beiden und das Auto abholen konnte. Den Besseggen sind wir also diesmal nicht gegangen, aber es war ein schöner, aktiver Tag an der frischen Luft gewesen.

2. Versuch
Genau eine Woche später war für den Sonntag wieder schönes Wetter angesagt. Julia und ich entschlossen uns zur Revange. Erwartungsvoll ging es auf der RV 51 nordwärts, diesmal mit niegelnagelneuen Spikes, die wir am Vorabend aufgezogen hatten. Damit konnte uns ein Wetterumschwung keine Angst mehr einjagen! 
Ganz problemlos verlief die Sache jedoch nicht, den auf einer eisigen Passage im Båtskaret kam das Auto plötzlich heftig ins Schleudern. Auch in den nächsten Kurven lag das Auto merkwürdig auf der Straße. Es war das erste Mal seit dem vorigen Winter, daß ich auf Eis fuhr, aber so eklig ließ sich das doch sonst nicht fahren? Wir hielten an und schauten nach - und richtig: ein Platten im niegelnagelneuen Reifen. Wir sahen uns an. Was jetzt? Das Wetter hätte nicht besser sein können. Zurückfahren und den Reifen an einer Tankstelle reparieren lassen? Wertvolle Zeit verlieren? Nein! Wir holten das Reserverad heraus (einen abgefahrenen Sommerreifen), und mit diesem und drei Spikes ging es wemige Minuten später (etwas vorsichtiger und langsamer als bisher) über die vereiste Valdresflya.

Der Gjendeosen, wo eine Woche zuvor noch die Herbstfarben dominiert hatten, sah jetzt ganz anders aus. Der Schnee lag bis an die Wasserkante und lie den See aus dieser Perspektive beinahe schwarz erscheinen. Der Wind vom vorigen Sonntag war weg, und es blies nur eine schwache Brise über den See. 
Auf dem Anstieg von Gjendesheim zum Veslefjell stieg unsere Begeisterung mit jedem Schritt. Es konnte keinen Zweifel geben, daß dies ein ganz besonderer Tag war. Die niedrige Herbstsonne schuf Blau- und Türkisfarben in allen Varianten.
Bis zur ersten Weggabelug hattes Spuren vor uns gegeben, doch der Weg weiter zum Veslefjell hinauf lag jungfräulich und ohne eine Fußspur. Voller Lust und Motivation machten wir uns ans Werk. Stellenweise reichte uns der Schnee bis an die Oberschenkel, doch das war ausnahmeweise. Größtenteils ging es ziemlich gut. 
Wir mußten ständig anhalten und die Aussicht in uns aufsaugen . Die weiße Nordwand des Tjørnholtindmassivs, das mehr als 1300 Höhenmeter über dem Gjende aufragt, war besonders imponierend .

In der, wie viele finden, etwas unangenehmen 180°-Kurve, genannt Vesleløyfti, wo der DNT ein Drahtseil auslegen will, waren wir etwas vorsichtiger, doch auch diese Stelle ging völlig problemlos. Wir benötigten nicht einmal den vorsichtshalber mitgenommenen Eispickel. Kurz danach kamen wir an einen kleinen Bach, der noch immer tapfer unter der immer dicker werdenden Eisdecke gluckste. Wir nahmen an, daß dies unsere letzte Möglichkeit sein würde, die Flaschen zu füllen, und legten eine kleine Pause ein.

Auf der Hochebene zum Veslefjell war es wegen des Schnees nicht leicht, dem Pfad zu folgen, doch bei dem schönen Wetter hatten wir mit der Orientierung sowieso keine Probleme. Keine Wolke am Himmel und kaum Wind. An der Steinwarte auf dem Veslfjell hielten wir diesmal nicht an, sondern gingen gespannt weiter in Richtung des Grates. Direkt vor uns erhob sich die Besshø mit ihrer plumpen und trotzdem majestätischen Form . Nach und nach tauchten weit dahinter auch spitzere Kämme wie der Raudalseggi und Skardalseggi im Blickfeld auf. Kurz vor Beginn des Grates kamen wir an einen großen Steinblock, wo wir an- und innehielten, um die Eindrücke in uns aufzusaugen, bevor wir den selbigen Grat in Angriff nahmen .

Zum Schluß standen wir endlich oben am Beginn des Grates. Ganz allein, bei wahnsinnig tollem Wetter in einer besonders schönen Jahreszeit. Komplett losgelöst von Menschenmengen, Stress und Eile . In einem solchen Rahmen kann man ohne Probleme sehen, welch unglaublich schöne Panoramaroute der Besseggen ist. An einem hektischen Wochenende im August gibt es so viele andere "menschliche" Eindrücke rund um einen, doch heute gab es nichts als absolute Stille und Natur pur um uns herum.

Der Grat an sich war schneebedeckt, doch der Schnee war trocken, genau richtig tief und bot ziemlich guten Halt . Es gab keine vereiste Stellen. Solche Verhältnisse sind einer dünneren, nassen (und glatteren) Schneedecke weit vorzuziehen. Wir gingen und rutschten abwechseln auf dem Hintern den Grat hinunter . Der Gjende, wie er sich mit der charakteristischen Krümmung bei Memurubu weit ins Herz Jotunheimens hineinzieht, wirkte heute unglaublich lang (siehe Bild). Lag das am Schnee, der die Landschaft eingepudert hatte, oder an den Schatten der Gjendealpen auf dem türkisen Wasser? Ich weiß es nicht, aber wie Julia sagte: "Jetzt sieht man wirklich, wie lang der Gjende eigentlich ist".

Unten am Band angekommen, konnten wir zufrieden konstatieren, daß es unter solchen Verhältnissen, wie wie sie heute hatten, wirklich ziemlich unprobematisch ist, den Besseggen zu bewältigen. Die Eispickel blieben die ganze Zeit am Rucksack hängen.

Auf der anderen Seite des Bandes, am gegenüberliegenden Ufer des Bessvatn, fanden wir unterhalb der Besshø einen geeigeten Rastplatz in der Sonne mit Aussicht zum Besseggen im Profil . Der heiße Tee, die Nußmischung und ein paar Schnitten schmeckten vorzüglich. 
Wir hatten keine Karte dabei (schäm!) und bildeten uns ein, das Nordostufer des Bessvatn sei gar nicht so lang , doch das war es leider. 8 km! Kein Pfad, wechselnde Vegetation und Blocksteinfelder, bedeckt von knietiefem, weichem Puderschnee. Oftmals ging es gut. Andere Male rutschten wir auf den glatten Steinen unter dem Schnee aus. Wieder andere Male "fanden" wir Löcher zwischen den Steinen oder Wasserlöcher im noch nicht ganz zugefrorenen Moor. Wenn man damit rechnet durchzubrechen, ist es nicht so schlimm. Wenn man dagegen nie weiß, was einen "unten drunter" erwartet und dann einen halben Meter tief einbricht und abrutscht, ist das ziemlich anstrengend. Am Bessosen (Auslauf des Sees) waren wir beide ganz schön kaputt und legten eine kleine Pause in der schwindenden Abendsonne ein , bevor wir die letzten 3 km auf markierter Route nach Gjendesheim hinüber in Angriff nahmen. Hier waren Leute vor uns gegangen, und wir brauchten uns deshalb keine Anstrengung darauf verwenden, den richtigen Weg zu suchen.

In der Dämmerung kamen wir in Gjendesheim an . Der Abend sank schnell hernieder, und das Sonnenlicht war hier unten im Tal schon verschwunden. Auf der Rückfahrt jedoch erwischeten wir die letzten Sonnenstrahlen auf der Besshø und auf den verschneiten Kuppelfjells der östlichen Valdresflya , die den eindrucksreichen Tag noch gehörig abrundeten.

Epilog:
Viele, die gern den Besseggen gehen möchten, fühlen sich an den Bootsfahrplan gebunden. Und das Boot fährt nur ab Mitte/Ende Juni bis zum August, und dann noch an den Wochenenden bis in den September hinein. Warum also nicht die Wanderung ausserhalb der Bootsaison durchführen? Zu zeitig können die Schneeverhältnisse noch sehr schwierig sein. Wir sind selbst einmal Ende Mai gegangen, doch in der Nacht (Sonnenaufgang um 04.00 Uhr auf dem Veslefjell, Foto siehe Routenbeschreibung). Tagsüber wäre der Schnee zu weich und "durchbrecherisch" gewesen. Nach der Saison jedoch können sich viele tolle Möglichkeiten bieten. Schöne Herbsttage und wenige Leute unterwegs. Man braucht weder die ca. 9 Stunden lange Tour über den Grat nach Memurubu und entlang des Sees zurück oder den Besseggen ab Gjendesheim hin und zurück über die gleiche Route zu gehen. 
Eine wenig gegangene, aber sehr schöne und abwechslungsreiche Rundtour von ca. 7 Stunden (ohne Schnee, im Schnee + ca. 1 Stunde) ist die oben beschriebene. Zwar gibt es auf der Etappe entlang des Bessvatn streckenweise keinen Pfad, verlaufen kann man sich jedoch nicht, und das Terrain ist flach. Zum Bessosen hin (am Südostende des Sees) kommt man dann auf einen deutlichen Pfad, und über den Ausfluß führt eine Sommerbrücke (kommt man später, muß man auf Steinen hinüber oder, wenn das Wasser dazu zu hoch steht, waten). 
Eine andere Variante ist, ab Gjendesheim über das Veslefjell und den Besseggen hinunterzugehen, auf dem Band umzukehren, den Grat wieder hinaufzuklettern und ab dem Veslefjell der markierten Route nach Bessheim bis zum Bessosen zu folgen, von wo aus man auf dem Weg von Glitterheim nach Gjendesheim zurückkehrt. Bei dieser Variante geht man zwar Strecken doppelt, aber man befindet sich durchgehend auf markiertem Wege und hat den weniger steilen Abstieg zum Schluß, samt etwas Variation. Hin und zurück dauert diese Variante ca. 6 Stunden.
Zum Schluß gibt es noch eine anspruchsvolle Variante: man geht am Ufer des Gjende bis unterhalb des Grates undfolgt der Bergseite schräg steil bergan (keine Markierung, aber nicht zu verfehlen, da die einzige Stelle, wo man überhaupt hinaufkommt; da dies die einzige mögliche Route ist, sollte man sich nicht ind er Wand versteigen)). Man kommt dann am unteren Teil des Grates etwas oberhalb des Bandes auf den Besseggen, dem man bergauf zum Veslefjell folgt, bevor man auf der markierten Route entweder direkt oder über den Bessosen nach Glitterheim zurückkehrt. Dies ist anspruchsvoller, aber kürzer als die Runde um den Bessvatn.

All diese Varianten sind auch ohne weiteres in der Bootssaison machbar. Der Voteil: man muß nicht hetzen, um das Boot zu erreichen oder stundenlang vorher dasein um dann zu entdecken, daß man doch nicht mehr mitkommt (sehr begrenzte Kapazität), und man ist zumindest streckenweise ziemlich allein unterwegs.